Bindestrich zwischen Fürth und Nürnberg

Der Bindestrich ist krakelig!!

… der die beiden Städte Nürnberg und Fürth verbindet. Schauflächen der Autofirma Pillenstein bestimmen das Bild, und es ist ein hässliches Bild. Erst der zweite Blick zeigt das ganze Ausmaß dieser Trostlosigkeit: Neuwagen, Gebrauchtwagen, Transporter, Kundenautos – Autos ohne Zahl säumen die Straße, und ein Parkhaus vor dem U-Bahnhof Stadtgrenze soll auch noch gebaut werden. Nein, das ist kein Entree für eine Stadt, nicht für Fürth und nicht für Nürnberg. Unser Auge hat sich daran gewöhnt, und wir finden uns damit ab, dass alles gesichtsloser und austauschbarer wird – nur weg hier!!!

Was die Hässlichkeit zum Skandal macht: Wohnungen mussten weichen, und eine alte Villa dazu sowie weitere Gebäude. Bei der Osterweiterung des Autohauses Pillenstein wurde alles abgerissen. Vierzehn Wohnungen, in günstiger Lage gingen verloren sowie wertvolle Fläche für weitere Wohngebäude – heute händeringend gesucht. Autos verdrängten erschwinglichen Wohnraum – ein Unding! Die Meinung in der Politik war geteilt, schließlich stimmte man zähneknirschend zu. Wie reagierte die Presse? Sie griff den Skandal nur halbherzig auf. Und was taten die Mieter? Die fügten sich und zogen aus.!

Großer Käfig oder ?

Gabione – eine Mauer, die keine ist!!

Polemischer Zwischenruf!!!

Eine neue Hässlichkeit zieht in Neubaugebiete ein: Die Gabione. Stahlkäfige, mit Steinen gefüllt, fressen sich durchs Land und erfreuen sich immer größerer Beliebtheit – anders ist ihr massenhaftes Auftreten in unserer Zeit nicht zu erklären.!!

Eine Modetorheit aus dem Landschaftsgartenbau nimmt überhand, und niemand scheint Anstoß an der Geschmacksverirrung zu nehmen. Das Ärgernis ist schon länger zu beobachten, neu ist, dass die Formen der Käfige und ihre Verwendung immer wilder und verrückter zu werden scheinen – ein Zeichen, dass ein Trend seinen Höhepunkt gerade überschreitet? Eines jeden Fantasie kann sich austoben im Glauben, den ganz persönlichen Geschmack zu verwirklichen, denn der Stahl ist biegsam und die Steinschüttung billig. Was herauskommt, sind Unorte ohne Zahl, denn wer fühlt sich schon wohl, wenn er auf eine solche Mauer starrt?!!

Die Gabione (ital. gabbione: großer Käfig) imitiert die Trockenmauer nur, diese schönen, alten Mauern, die mit Sorgfalt, Geduld und Wissen gefügt wurden, die Jahrhunderte überdauerten und uns im Landschaftsbild entzücken. Die Gabione verkörpert das genaue Gegenteil – sie ist Ausdruck unserer hybriden Zeit, wo Dauer stört und um die Ecke das Neue wartet. Die „Zaunmauer“, wie sie auch heißt, ist nicht Fisch noch Fleisch: weder eine Mauer, auf die man bauen, noch ein Zaun, durch den man schauen kann.!!

Verlassen wir diesen Unort und erfreuen uns lieber einer schönen Hecke, eines schlichten Jägerzauns – einst Inbegriff des Spießertums – meinetwegen auch einer Betonwand mit schöner Oberfläche. Am besten aber wäre gar kein Zaun, keine Mauer, vor allem kein Zwitter, sondern der freie, unbefangene Blick hinüber zum Nachbarn, und die guten alten Grenzsteine regeln die Eigentumsverhältnisse. Aber was machen wir bloß mit dem Hund?!

Revitalisierung, bankfrei

„Eigentlich ist es ja toll…“ so fängt die Erzählung an, die mir einen neuen UnOrt beschreiben wird, der dann, im folgenden Gespräch der anwesenden Ortskundigen einige Diskussionen auslöst.
„Endlich, also nach dem Umbau, kannst Du nämlich den Bahnhof von allen Stadtteilen aus erreichen. Bisher waren die wie abgeschnitten und hatten keinen direkten Zugang.“

Das große ABER, das nun ausführlich das Bild eines weiteren – ganz persönlichen – NichtOrtes entwirft, folgt schlagartig.

Es ist das neu errichtete ‚HELIO‘, ein Einkaufszentrum direkt am Bahnhof. Es ist „total modern, moderne Lampen, Rolltreppen, ein riesiger Tiefgaragen Parkplatz. Aber, es ist auch total steril und das Schlimmste ist, Du findest dort keine einzige Bank, wenn Du mal auf jemanden wartest oder so. Außerdem scheint man als Zielgruppe ältere Menschen ausschließen zu wollen, also solche, die kein Internet haben, denn: Es gibt zwar ein ganz neues Kino, aber nirgends ein gedrucktes Programm …“

Auf die beiden genannten Minuspunkte wird bei unserem angeregten Tischgespräch sofort eingegangen: Warum keine Sitzbänke? Warum kein gedrucktes Kinoprogramm? 

Alles wohl überlegt, wie eine Gegenstimme meint, die sich im  Kommunalen anscheinend sehr gut auskennt . Bänke würden demnach meistens Menschengruppen anziehen, die man in einem fast 40.000 qm goßen Areal nicht so gern sieht. Und Papier, Flyer, Kinoprogramme würden nicht unachtsam weggeworfen, wenn es sie erst gar nicht gibt …

Laut den Ankündigungen des neuen Centers ist das HELIO „… eine Revitalisierung am Hauptbahnhof Augsburg. Ein Quartier für Dienstleistungen, Shops, Einzelhandel, Kino, Fitness, Einkaufen und System-Gastronomie.“

Anm. der Künstlerin: Zumindest auf den Fotos von der Eröffnung im September 2018 sind für mich keine Sitzbänke zu erkennen. Ebenso zeigen die Renderings zu dem Neubau nirgends, daß ein solches Mobiliar geplant war. 

überall, das Krebsgeschwür der Städte 

Ein kurze, aber prägnante Auskunft zum Thema UnOrt: 

„Ich bekomme jedesmal Beklemmungen, wenn ich in größere Städte reinfahre. Die Gewerbegebiete umgeben die Städte wie ein Krebs. Sie wuchern immer weiter und die Läden der Innenstädte machen dicht.“ Das Krebsgeschwür ist überall, hier in Augsburg und überall in den Städten …“

Blühende Gärten an der Bundesstraße

„Einen UnOrt, ja, da kann ich sofort einen nennen: die Hauptstraße in unserer Stadt, die Langgasse. Von wegen ‚Gasse‘, das ist eine Bundesstrasse. Lärm. Auspuffgase. Keine Läden mehr. Das volle Programm, sozusagen. Die B 22, die Bayreuth mit Scheßlitz verbindet, zieht sich genau durch den Ortskern unseres an sich malerischen oberfränkischen Städtchens.“

Auf der Website der ca. 2.800 Einwohner zählenden Gemeinde finde ich den Slogan:

„ … Schmucke Fassaden, blühende Gärten und schöne Aussichtspunkte: Hollfelds Altstadt kann sich sehen lassen…“ 

Unappetitlicher Erdbeerkuchen oder ???? Schwarzes Kaffeekränzchen????

Unappetitlicher Erdbeerkuchen oder ???? Schwarzes Kaffeekränzchen

„Nein, in Herzogenaurach kann ich Ihnen wirklich keinen UnOrt nennen. Hier passt alles.

Jedoch kenne ich einen sehr unangenehmen Ort, das ist Medbach. Ein Ortsteil von Höchstadt/ Aisch. Da gibt es eine Mülldeponie mit Kompostier…? . 

Daß es auf dem Land öfter mal nach Tierhaltung riecht, das ist ja klar. Aber dass man in der Gegend im Sommer nicht mal mehr draußen sitzen konnte, das war der Fliegenplage geschuldet. „Die fielen sogar aus der Kaffeemaschine!“ Wie unappetitlich und ekelig. Überall Schwärme von Fliegen. Alles, alles schwarz.“ Nachdem eine Bürgerinitiative massive Proteste eingelegt hat, deckt man die Kompostfuhren inzwischen ab und hofft, darauf daß sich die Population der ungeliebten Plagegeister reduziert. „Wenn sich da nichts ändert, dann lade ich den Bürgermeister persönlich zum Kaffeetrinken ein. Ihm wird der Erdbeerkuchen nicht schmecken, denn auch der ist übersät mit Fliegen.“

Die andere Seite

Da ist sie wieder, diese Dualität der NichtOrte. Binen 24 Stunden wird mir in Augsburg zweimal der Stadtteil Oberhausen genannt, den auch schon der Taxifahrer erwähnte. Während er mir eindrucksvoll davon abriet, höre ich jetzt zwar auch zuerst das eher Negative heraus:
– Die Interkulturelle Bevölkerungsstruktur mit Migrationshintergrund. 
– Das Verfallen von Häusern, die inmitten von geradlinigen neueren Gebäuden wie Überbleibsel einer anderen Zeit wirken, weil sich die Eigentümer einfach nicht darum kümmern.

Aber gerade dieser Verfallszustand erscheint meiner Gesprächspartnerin gleichzeitig als schön und interessant. Mitnichten ein UnOrt. „Da gibt es durchaus malerische Situationen, z.B. wenn direkt aus der Ruine ein Baum herauswächst. In anderen Ländern würden wir solche Szenen schließlich suchen.

Sie schließt ab mit: „Dann ist eher noch der OT Hochzoll ein NichtOrt mit seinen Hochhäusern.“ 

Hier werden Sie nicht verstanden

Bei der Einfahrt des ICE denke ich noch an Mozart, Brecht und die Fugger. Eine Stadt mit Kultur und Reichtum. Und da war doch irgendwo diese älteste bestehende Sozialsiedlung der Welt, die Fuggerei – niedlich wirkende kleine Häuschen, ehemals gebaut für bedürftige Bürger.

„Nein, hier in Augsburg, da gibt es überhaupt keinen häßlichen Ort …“ ist die spontane Antwort des freundlichen Taxifahrers auf meine obligatorische Frage. „Da können Sie überall hingehen. Es ist auch eine sehr reiche Stadt“. Der äußerst angenehme,  leicht schwäbisch akzentuierte Redefluss geht weiter, während wir am hell erleuchteten Berthold Brecht Theater vorbeifahren. Kurz vor Erreichen des Ziels dann ein Gedankenblitz auf der Fahrerseite. „Aber nach Oberhausen, da würd‘ ich Ihnen nicht raten, hinzuziehen!“ In einem letzten Redeschwall erfahre ich von den Siedlungen dieses Stadtteils und seinen neuen Bewohnern. Massenhafter Zuzug? Migrationshintergrund? Multikulturell? „Ja, da würde Sie keiner verstehen…“ ist der Schlußsatz des Herrn, der mich vorhin mit „Schön, daß Sie wenigstens deutsch sprechen!“ begrüßt hatte.

Tiefer unangenehmer Ort

Wenn Sie dort, gleich nach der Kirche (Anmerkung der Künstlerin: Gemeint ist die evangelische Stadtkirche von Schwabach) zur Tiefgarage hinunter gehen, da die Toilette. Die ist wirklich unangenehm. Einfach unangenehm … 

Inzwischen erkundet und dokumentiert:
Die öffentliche Toilettenanlage am Königsplatz

Mehr dazu hier https://www.pas-kunst.de/GoldStreich-190717

 

 

 

 

Ein Novum: Überall, nur nicht hier

„Es gibt auf der Welt überall Plätze, wo ich Sie nicht hinschicken würde. Aber keinen hier in Schwabach!“ 

Es ist ein feucht-kalter Tag kurz vor Weihnachten und wir hatten mit Vielem gerechnet. Eiligen Menschen. Vollbepackten Menschen. Genervten Menschen. Menschen im Weihnachtsstress, die nicht gewillt wären, unsere Fragen nach ihrem persönlichen Nicht-Ort zu beantworten.

Obwohl so manche eiligen Schrittes an uns vorbei gingen, Augen auf das Kopfsteinpflaster gerichtet, so bekamen wir binnen kürzester Zeit – schließlich war uns ebenfalls kalt – unerwartet viele Antworten. Und: Unerwartet positive Antworten! Schwabach muss tatsächlich ein goldener Ort sein. Das war ein Novum.

Ein weiteres Novum bei den Recherchen zu ‚Nicht mein Ort‘ war, dass ich nicht allein unterwegs war, sondern mit meiner Kollegin Ruth Bergmann. Warum? Weshalb? Dazu in Kürze mehr. Hier auf der Homepage!